Seite wählen
Es gibt sie, diese Trends, bei denen zivilisierte Menschen in einem definierten Zeitraum freiwillig auf ein Gutteil ihrer modernen Annehmlichkeiten verzichten, um eine neue Form der inneren Ruhe oder was weiß ich (wieder) zu finden. Ich persönlich gehöre nicht dazu, jedenfalls nicht, wenn es um mein Smartphone geht.

Heute jedoch meinte eben jenes sich in einen sinnlosen Boot Loop verfangen zu müssen, was das zeitweise Aus bedeutete und stand mir infolgedessen spontan nicht zur Verfügung. Nichtsahnend, was auf mich zukommen sollte, ging ich dennoch wagemutig in die Stadt um ein paar Besorgungen zu machen. Und jeder Smartphonebenutzer, zumindest, wenn er Dienste wie Twitter oder Instagram nutzt, der noch immer behauptet, er sei keinesfalls internetsüchtig, sollte mein unfreiwilliges Experiment doch einfach spaßeshalber einmal nachmachen. Aber zieht Euch warm an.

Ich ging zunächst zur Bank, um dort eine analoge Überweisung zu tätigen (Internetbanking konnte ich vergessen, da ich zur Interaktion das Smartphone benötigte). Hocherfreut, dass es so etwas noch zu geben schien, stand ich dennoch vor verschlossenen Türen, denn ich trage natürlich keine Uhr mehr und konnte so – ohne Smartphone – nicht nach der Uhrzeit sehen. Der souveräne Griff an die rechte Hosentasche, dem Gedanken folgend, das gerade Erlebte in einen flockigen Tweet zu verpacken – ging natürlich ins Leere. Es ist ein seltsames Gefühl, einstudierte und automatisierte Bewegungen auszuführen, nur um direkt von Misserfolg gekrönt zu werden. Mich beschlich die Vermutung, dass ich plötzlich die Phantomschmerzen ehemaliger Raucher zumindest zum Teil nachvollziehen konnte.

Na egal. Ich musste ja auch noch zur Post. Da ich ja nicht googlen konnte, ob denn das Postamt jetzt aufhätte, musste ich wohl oder übel zu Fuß dorthin. Da heute mein Glückstag war, war dem natürlich nicht so und ich stand vor geschlossenen Türen – auch hier. Ein unangenehmes und einsames Gefühl des Abgekoppeltseins von sämtlichen nicht in meinem Kopf befindlichen Informationen bemächtigte sich meiner. Eigentlich hätten ich nun telefonieren müssen, denn die Überweisungen, die ich bei mir trug, wollte ich eigentlich dringend für @Konsonaut bei der Post einwerfen. Ging ja logischerweise nicht. Clever dachte ich sofort, dass ich Ihr stattdessen ja eine DM schreiben könnte, und meine Hand schoss los. Schneller, wesentlich schneller, als die  Gedanken meines Restlogikzentrums sie bremsen konnten. Und wieder: Hilflosigkeit.

Frustriert meldete sich nun auch noch mein bislang arg vernachlässigter Magen und verlangte nach Nahrung. Ich beschloss mich zumindest diesbezüglich zu belohnen und machte mich auf zur Currywurstschmiede meines Vertrauens. Auf dem Weg dorthin überquerte ich einen kleinen Platz in der Altstadt, den ich neulich erst auf Foursquare angelegt hatte. Ich hätte nur noch einmal einchecken müssen und wäre Bürgermeister geworden. Diesmal hatte ich meine Hand im Griff, aber ein kleines Schüppchen schaufelte eine weitere Ladung Ohnmacht auf den Frusthaufen.

Bei Henner & Tom angekommen, bestellte ich eine schlichte Pommes, Currywurst mit Chili und setzte mich nach draußen. Mein Blick streifte links und rechts Menschen mit lustigen Endgeräten aller Art und ich versuchte – auch hier musste ich an verzweifelte Raucher denken – meinen Händen eine sinnvolle Tätigkeit zu geben und ordnete Rechnungen in meinem Portemonnaie. Endlich kam mein Essen und ohne zu zögern schoss meine Hand in die Hosentasche, um dieses Meisterwerk der Frittierkunst der Welt via Instagram zugänglich zu machen, oder wenigstens eine kleine Rezension meiner Zufriedenheit auf Foodspotting zu schreiben oder … ich seufzte laut auf.

Nach einem kurzen Moment der Besinnung, begann ich zu essen. Es war recht lecker und meine Laune besserte sich einmal mehr von Bissen zu Bissen. Ich befand mich ganz offensichtlich mental in einem spannenden Zustand. Ein Gefühl, das einerseits von einer ungewohnten Freiheit geprägt schien, mich andererseits aber auch beinahe eine Art Leere spüren ließ. Es war das seltsame Gefühl, dass man wohl vor dem ganzen Web 2.0 gehabt haben musste. Ich sehe etwas ohne, dass ich es direkt fotografieren muss. Ich habe Gedanken, ohne sie direkt in einem Tweet in die Welt zu blasen – obschon ich sie bereits automatisch 140-Zeichen gerecht portioniert hatte. Und plötzlich in einem kurzen schwachen Moment, der der Blutleere im Kopf aufgrund des Verdauungsvorganges geschuldet sein musste, dachte ich, wie schön es doch sein konnte, einfach mal mit sich alleine zu sein.

Morgen nehme ich auf jeden Fall mein Tablet mit.

Nachtrag: Abends erkannte ich dann erst so richtig die Dimension meiner Twittersucht:

<a href=“http://blog-connect.com/a?id=5151584482597484390″ target=“_blank“><img src=“http://i.blog-connect.com/images/w/folgen4.png“ border=“0″ ></a>

<a href=“http://www.bloglovin.com/blog/9034477/?claim=jx86qawkvcg“>Follow my blog with Bloglovin</a>